Am vierten Advent stand etwas auf dem Plan, das hier Seltenheitswert hat: Kekse backen. Endlich einmal etwas zu tun. Das Programm im Gefängnis ist überschaubar, um es freundlich auszudrücken, und so war die Vorfreude groß. Etwa zwölf Frauen durften teilnehmen, in dem etwas spartanisch, weihnachtlich geschmückten Gemeinschaftsraum.
Eleonora*, eine ältere Insassin, die jeden Tag dieselben Klamotten trug und immer dieselbe alte Wolldecke um sich gewickelt hatte, war nicht dabei. Offiziell, weil die Platzanzahl begrenzt war. Gemunkelt wurde aber, ob sie vielleicht doch wegen mangelnder Hygiene ausgeschlossen wurde. Auch wenn ich die bedenken der anderen als Berechtigt empfand, tat sie mir aber trotzdem irgendwie leid, wollte sie doch einfach auch nur ein paar Weihnachtskekse backen. Auf jeden Fall war ihre Laune entsprechend – spürbar gereizt und deutlich stinkig.
Die Beamtin, die das Backen betreute, hatte sich sichtlich Mühe gegeben. Sie kam mit einer großen Kiste voller Zutaten, Ausstechformen und gleich sechs verschiedenen Rezepten. Wir sollten uns jeweils zu zweit ein Rezept aussuchen. Eine einfache Aufgabe – dachte ich.
Innerhalb weniger Sekunden war klar: Alle wollten die Schokoladenkekse backen. Auch meine Backpartnerin und ich. Wir schlugen vor, die Sache sportlich zu lösen: Schnick, Schnack, Schnuck. Doch die andere Gruppe hielt das Rezept bereits fest umklammert und war der Meinung, dass im Zweifel das Recht der Stärkeren gilt. Wir gaben zunächst nach. Am Ende war ihnen das Schokoladenrezept dann doch zu anspruchsvoll, und so landete es schließlich wieder bei uns.
Und so ging es „fröhlich“ weiter. Es wurde kommentiert, was andere in ihre Schüsseln kippten. Es wurde gebacken, ohne aufzuräumen, nach dem Motto: Das macht schon jemand. Bleche wanderten in den Ofen, ohne Blick auf Temperatur oder Zeit. Und über allem schwebte diese ständige Angst, am Ende zu kurz zu kommen – bei Zutaten oder, schlimmer noch, bei den fertigen Keksen.
Eleonora tauchte immer wieder im Raum auf und fragte, ob sie nicht schon probieren dürfe. Kekse gab es zu diesem Zeitpunkt längst mehr als genug, ganze Berge. Auch wenn nicht alle mitbacken durften, war von Anfang an klar: Die Plätzchen sollten später gerecht aufgeteilt werden. Das wurde ihr auch mehrfach erklärt. Dennoch kam sie immer wieder dazu, konnte es nicht akzeptieren und hatte große Angst, zu kurz zu kommen.
Die Stimmung im Raum kippte. Einige reagierten genervt, andere überfordert. Schließlich verlor eine Mitgefangene die Geduld und beförderte Eleonora mit erhobenem Kochlöffel und deutlichen Worten aus dem Raum.
Als dann auch noch Backbleche und Puderzucker in den Zellen verschwanden – aus reiner Vorratssorge – war das Chaos perfekt. Schließlich endete das Ganze, während ich danebenstand, in lautstarken Auseinandersetzungen mehrerer Mitgefangener auf dem Flur, inklusive gegenseitiger Prügelandrohungen, und die Backaktion wurde abgebrochen.
Nach einer Freistunde auf dem Hof wurde sie mit einer kleineren Gruppe zu Ende gebracht. Kekse gab es am Ende trotzdem. Weihnachtsfrieden eher nicht.
Langsam verstehe ich, warum hier so wenig Programm angeboten wird. Für die Beamtin tat es mir besonders leid. Sie hatte es gut gemeint.
Am nächsten Tag kam eine andere Gefangene zu mir und sagte, der Vortag sei der schlimmste ihres Lebens gewesen – weil sie am Ende vom Backen ausgeschlossen wurde. Ich war ehrlich überrascht. Jemand hatte sich Gedanken gemacht, Zeit investiert, uns eine kleine Freude bereiten wollen. Das sagte ich ihr auch. Und während ich das tat, wurde mir klar: Hier bringt jede ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Ängste und ihre eigenen Maßstäbe mit. Selbst beim Keksebacken.
*Name geändert

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