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Was draußen selbstverständlich ist

Gestern habe ich meine leckerste Mahlzeit seit Monaten gegessen! Ich weiß, dass es schwer ist, für so viele Menschen und mit knappen Mitteln adäquate Mahlzeiten zuzubereiten, und grundsätzlich ist das Essen auch genießbar. Auch auf Vegetarier und religiöse Kost wird Rücksicht genommen. Mehr frische Zutaten, mehr Vitamine und weniger Zusatzstoffe würden allerdings sicherlich einen Beitrag zu mehr körperlicher und psychischer Gesundheit im Gefängnis leisten.   Abbildung: KI-Illustration Die Mahlzeiten werden von Gefangenen gekocht, die in der Küche arbeiten. Vieles sind Tiefkühlprodukte. Meist ist das Essen sparsam gewürzt oder mit Wasser gestreckt. Nach fünf Monaten kennt man den Speiseplan ziemlich genau. Montags gibt es meistens Milchreis oder eine andere Süßspeise, mittwochs Suppe oder Eintopf. Für Frühstück und Abendessen bekommen wir ausschließlich abgepacktes Brot. Wie kam es aber nun zu meiner gestrigen unerwarteten Mahlzeit? Eine andere Gefangene hatte Besuch bekommen. Die B...

Halb-Strafe

Ein Freudenschrei durchdrang Anfang der Woche unsere Wohngruppe. Zwei Gefangene auf unserer Station warten seit Wochen auf ihren Beschluss zur Verkürzung der Haftstrafe. Am Montag kam die eine, nennen wir sie Hannah, jubelnd auf den Flur. Diese Woche wäre der vorzeitige Entlassungstermin bei beiden Gefangenen, aber eine endgültige Rückmeldung, ob eine Verkürzung der Haftstrafe genehmigt wird, erhält man häufig erst sehr kurzfristig.   Abbildung: KI-Illustration Die Sozialarbeiterin verglich es mit einem errechneten Geburtstermin und der eigentlichen Geburt, die zumeist auch nicht am selben Tag erfolgt. Auf diesen Termin wird die Entlassung ungefähr fallen, kann aber auch ein paar Tage früher oder später erfolgen. Auch der Beschluss hierzu kommt um diesen Termin herum. Der Unterschied zur Geburt: Bis zur endgültigen Entscheidung weiß man als Gefangene nicht mit Sicherheit, dass man auch wirklich vorzeitig entlassen wird. Bei der Strafhaft gibt es für jeden Gefangenen unter bestim...

Schlaflose Nächte

Ich sitze nun im Bett und es ist halb sechs Uhr morgens. Seit ca. 1,5 Stunden bin ich wach. Der Konflikt zwischen dem, was von Julia verlangt wird, und dem, was ihren tatsächlichen Bedürfnissen entspricht, ist zermürbend und sowohl für sie als auch für mich sowie ihr weiteres Umfeld kaum auszuhalten. Abbildung: KI-Illustration Sie durfte am vergangenen Wochenende tatsächlich nach Frankfurt fahren und an einem sportlichen Wettkampf teilnehmen. Sie war überglücklich. Sie hat ihre Freundinnen und Vereinskollegen wiedergesehen. Sie durfte in ihrer Wunschpflegefamilie übernachten. Sie wurde drei Tage lang verwöhnt, hat Liebe, Nähe und Geborgenheit erfahren und so etwas wie einen normalen Familienalltag erlebt. Spontan wurde im Verein noch Geld für sie gesammelt, damit sie mit allem an Kleidung ausgestattet werden konnte, was in den letzten Monaten zu kurz kam. Das Glück war für mich auch über die Ferne deutlich spürbar. Gleichzeitig hatte sie bereits am Freitag eine unfassbare Traurigkeit i...

Mein Alltag im Gefängnis

Als ich in Hildesheim ankam, hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich mich an den „Alltag“ im Gefängnis gewöhnt hatte. Es gibt hier kein Handout oder ähnliches und so hat man in den ersten Tagen ständig das Gefühl irgendwelchen Situationen ausgeliefert zu sein. Immer wieder musste ich JETZT irgendwohin mitkommen, während andersherum meine Bedürfnisse oft über Tage und Wochen unerfüllt blieben.  Ein typischer Tag läuft hier so ab, dass wir um 7.15 geweckt und unsere Zellen aufgeschlossen werden. Dann kann man bis 8 Uhr morgens die Post im Stationsbüro abgeben. Später ist es nicht mehr möglich, auch nicht für den Folgetag. Es steht nur dieses Zeitfenster zur Verfügung.  Abbildung: KI-Illustration Dann gehe ich gerne eine Runde auf dem Crosstrainer laufen. Das war mir jedoch erst nach Wochen möglich, da zunächst ein Antrag für die Einweisung für die Fitnessgeräte gestellt werden musste. Dieser Antrag wurde in meinem Fall erst nach ca. 4 Wochen bearbeitet. Einen weiteren Antrag m...

Menschen, denen man hier begegnet

Vor ein paar Tagen ist Bettina* entlassen worden, und ich war tatsächlich ein wenig traurig darüber – auch wenn ich mich natürlich sehr für sie freue. Als ich hier ankam, war ich fest davon überzeugt, dass ein Gefängnis kein Ort ist, an dem man Freundschaften schließt. Entsprechend habe ich mich in den ersten Tagen eher zurückgehalten und hatte mit den anderen nur wenig zu tun. Meine allerersten Tage verbrachte ich in Frankfurt in der U-Haft. Dort kam noch hinzu, dass es sehr international zuging und sich die verschiedenen Nationalitäten meist untereinander hielten. Trotzdem gab es dort eine Vietnamesin, mit der ich gelegentlich ins Gespräch kam. Wir nutzten die Gelegenheit, um ein wenig Englisch zu sprechen, und stellten fest, dass wir einige Gemeinsamkeiten hatten – etwa das Nichtrauchen, die Erfahrung als Mütter und einen akademischen Hintergrund. Doch schon nach wenigen Tagen wurde ich nach Hildesheim verlegt, und damit endete auch dieser kurze Kontakt. Abbildung: KI-Illustration I...

Wie eine Gefängniszelle so aussieht

Hier im Gefängnis sind einige Frauen, die schon mehrfach Erfahrung mit Gefangenschaft gemacht haben. Ich gehe aber davon aus, dass meinen Blog vor allem Menschen lesen werden, die wie ich bislang keine Berührungspunkte mit dem Gefängnis hatten. Wie sieht also eine Gefängniszelle von innen aus? Abbildung: KI-Illustration Die erste Zelle lernte ich im Frankfurter Polizeigewahrsam kennen. Sie war auch gleichzeitig die trostloseste Zelle. Ein kahler, vollständig gefliester Raum, ca. 4m lang und 1,5m breit. Es ist eine Schätzung anhand der Fliesen, die ich vor langerweile gezählt habe. Einziger „Einrichtungsgegenstand“ war eine geflieste Pritsche mit einer dünnen Schaumstoffmatte darauf. Außerdem gab es noch eine Toilette und ein Waschbecken. Diese befand sich einfach im Raum ohne Vorhang oder sonstige Abtrennung. Durch einen Türspion hätte man mir von draußen jederzeit unbemerkt beim Toilettengang zusehen können. Es gab kein Toilettenpapier, kein Handtuch, keine Seife. Diese Dinge bekam ic...

Mein schlimmster Tag im Gefängnis

Mein bisher schlimmster Tag im Gefängnis war der 4.12., der Tag, an dem der Gerichtstermin im Amt war. Ich war nun genau 4 Wochen gefangen, hatte schon einige Schikanen erlebt, von zwei Tagen Wasser und Brot in einer tristen und kahlen Zelle in Polizeigewahrsam, über einen 1,5-tägigen Transport und Degradierung zur Ware, bis hin zu einem Aufenthalt in einer Doppelzelle mit schimmeligen Wänden und einer emotional hochbelasteten Mitgefangenen, die unter Verdacht des versuchten Totschlags stand. Mit Abstand am schlechtesten ging es mir aber am Abend des 4. Dezember im Anschluss an den Gerichtstermin vorm Familiengericht. Zuvor hatte ich einiges an Hoffnung in diesen Termin gesteckt. Ich habe mehrfach verschiedenste Anträge gestellt, damit meine Vorführung vor Gericht auch sichergestellt wurde. Ich habe mich so umfassend wie möglich mit den Anwälten auf den Termin vorbereitet und ich habe mir Schminke im Einkauf bestellt und sichergestellt, dass ich trotz der frühen Abfahrt um 7.15 morgens...