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Was macht der Mangel an bedingungsloser Liebe mit uns?


Eine Frage lässt mich nicht mehr los: Was passiert mit einem Menschen, wenn ihm die bedingungslose Liebe fehlt?

Ein Gespräch in der Freistunde auf dem Hof hat mich tief getroffen und lange nachwirken lassen.Ich habe mit einer anderen Gefangenen gesprochen. Sie erzählte mir, dass sie bald freikommen könnte, wenn sie noch etwa 1.000 € Geldstrafe abbezahlen würde.

  Abbildung: KI-Illustration

Sie hatte ihren Vater gebeten, ihr dieses Geld zu geben. Der Vater sei gut situiert, fahre einen Porsche. Sie schilderte mir ihre große Enttäuschung, denn ihr Vater habe es abgelehnt, ihr zu helfen. Sie war verletzt, fühlte sich ungeliebt.

Ich kann ihre Gefühle gut verstehen und nachempfinden. Ich selbst erlebe es hier im Gefängnis im Umgekehrten – Tag für Tag. Ich spüre, wie stärkend und heilsam es ist, zu merken, dass einen da draußen so viele Menschen unterstützen (dafür einmal wieder tausend Dank an alle Unterstützer!).

So kann ich mir vorstellen, wie schwächend es sich anfühlen muss, wenn man das Gegenteil erlebt. Und das vom eigenen Vater – einer Person, die zumeist eine enge Bezugsperson darstellt.

Diese Gefühle des Mangels, des Sich-nicht-geliebt-Fühlens und der Ungerechtigkeit begegnen mir hier drin jeden Tag. Über die kleinsten Dinge entfachen sich Konflikte, weil jemand Angst hat, nicht genug abzubekommen oder sich ungerecht behandelt fühlt.

Ob beim Mittagessen, zu dessen Ausgabe wir immer eingeschlossen werden, damit keine Konflikte entstehen, oder bei der Spülmittelflasche in der Gemeinschaftsküche, die immer nur ganz wenig Spülmittel enthält, damit die Gefangenen nicht Unmengen abfüllen, um es in ihrer Zelle zu horten.

Oder der Neid auf die Süßigkeiten und Buntstifte, die man bei der Seelsorgerin erhält und die sie einem deshalb oft in einer Tüte versteckt übergibt, um keine Konflikte zu schüren.

Diese negativen Gefühle – Mangel, Wertlosigkeit, Ungerechtigkeit – scheinen allgegenwärtig. Auch ich habe sie zu Beginn meiner Haft deutlich gespürt. Damals war ich ebenfalls isoliert von meinen Kontakten nach außen. Ich wusste, ich werde geliebt und unterstützt, aber ein leiser Zweifel nagte im Laufe der ersten Wochen dennoch an mir.

Ich habe mich bewusst selbst bestärkt mit dem Gedanken, dass dort draußen Menschen sind, die mich unterstützen. Und das hat sich in den Wochen danach ja auch sichtbar bestätigt – in Form von Briefen, bestärkenden Telefonaten und auch der Spendenkampagne.

All diese Unterstützung hilft mir enorm, den Alltag hier drin zu bewältigen. Und sie ermöglicht es mir auch, diese positiven Gefühle an andere weiterzugeben – sei es durch das Verschenken von Bananen oder Joghurt oder das Teilen meines Kartenspiels.

Aber trotzdem: Der Zweifel war da. Und durch kleinste Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen wird er immer wieder verstärkt. Ich kann nur erahnen, wie es sich anfühlen muss, wenn sich diese Spirale über Jahre fortsetzt.

Ich frage mich also: Sind diese negativen Gefühle mit ursächlich für die Straftaten, weswegen die Gefangenen hier sitzen? Was würde aus den Menschen hier werden – und was würde es mit ihnen machen –, wenn sie mehr Unterstützung und Liebe erfahren würden?

Für unsere Kinder und auch unsere Gesellschaft bleibt mir nur die These, dass es ein wichtiger Schutz ist, um gesunde, starke Erwachsene großzuziehen: dass wir ihnen unsere bedingungslose Liebe schenken, sie sehen, unterstützen und wertschätzend behandeln.

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