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Mein Alltag im Gefängnis

Als ich in Hildesheim ankam, hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich mich an den „Alltag“ im Gefängnis gewöhnt hatte. Es gibt hier kein Handout oder ähnliches und so hat man in den ersten Tagen ständig das Gefühl irgendwelchen Situationen ausgeliefert zu sein. Immer wieder musste ich JETZT irgendwohin mitkommen, während andersherum meine Bedürfnisse oft über Tage und Wochen unerfüllt blieben. 

Ein typischer Tag läuft hier so ab, dass wir um 7.15 geweckt und unsere Zellen aufgeschlossen werden. Dann kann man bis 8 Uhr morgens die Post im Stationsbüro abgeben. Später ist es nicht mehr möglich, auch nicht für den Folgetag. Es steht nur dieses Zeitfenster zur Verfügung. 



Abbildung: KI-Illustration

Dann gehe ich gerne eine Runde auf dem Crosstrainer laufen. Das war mir jedoch erst nach Wochen möglich, da zunächst ein Antrag für die Einweisung für die Fitnessgeräte gestellt werden musste. Dieser Antrag wurde in meinem Fall erst nach ca. 4 Wochen bearbeitet. Einen weiteren Antrag musste ich stellen, damit ich auch allein trainieren durfte. Andernfalls ist es nur zu zweit möglich. 

Nach dem Sport folgt bei mir das Duschen. Hierfür gibt es drei Duschen für ca. 20 Frauen in einem Duschsaal mit schimmliger Decke. Wenn ich Glück habe, ist die Dusche um diese Zeit schon gesäubert. Wenn ich Pech habe, ist sie noch voller Haare und unangenehmer Gerüche. Die Dusche und andere Gemeinschaftsflächen werden von einer Gefangenen gesäubert, die entgeltlich als Hausarbeiterin arbeitet. 

Von 10.15 – 11.15 ist dann unsere Freistunde im Hof. Ich nutze sie fast jeden Tag, da für mich die Bewegung an der frischen Luft einfach einen wichtigen Ausgleich darstellt. Der Hof ist ein schmaler Streifen entlang des Gefängnisgebäudes, Sonne kommt hier nur selten rein. Es gibt ein paar Bänke zum Hinsetzen, ein Mensch-ärger-Dich-nicht-Spiel und ansonsten keine weiteren Beschäftigungsmöglichkeiten. Die ersten Tage kam ich mir immer vor wie ein Tiger im Käfig, der seine Runden abläuft. Es gibt einige Gefangene, die ich in all den Monaten noch keinen einzigen Tag in der Freistunde gesehen habe. Für mich unvorstellbar das auszuhalten. Wer nicht rausgeht, wird in seiner Zelle eingeschlossen. 

Nach der Freistunde werden alle wieder weggeschlossen. Es gab wohl in der Vergangenheit immer wieder Streitigkeiten um das Mittagessen, weswegen wir nach und nach aufgeschlossen werden, um es abzuholen. Zum Mittagessen holt man auch gleichzeitig sein Abendessen und Frühstück ab, einen Kühlschrank gibt es in der Zelle allerdings nicht. Wenn ich Glück habe, gibt es eine Portion Obst am Tag, Brot beinahe unbegrenzt, alles andere wird streng rationiert. 

Wenn kein Personalmangel herrscht, sind die Zellen noch bis 15.15 offen. Andernfalls werden wir früher eingeschlossen, manchmal geschieht auch das sehr kurzfristig und unvorhersehbar. Wenn die Zellen offen sind, besuchen sich viele untereinander, rauchen gemeinsam auf den Zellen. Ich verbringe lieber im Aufenthaltsraum meine Zeit mit anderen, spiele dort Karten oder Tischtennis. 

Gegen 13.30 können wir unsere Post abholen, immer ein kleines Highlight für mich. Es passiert etwas Neues! Ich bekomme Gerichtspost, Rückmeldung zu von mir gestellten Anträgen in der JVA und vor allem auch viel Post von lieben Menschen. Normale Briefe darf ich entgegennehmen. Alle weiteren Aufmerksamkeiten, wie Postkarten, Bücher, Süßigkeiten und so weiter, darf ich zwar kurz anschauen, werden mir aber nicht ausgehändigt. Sie kommen in die sogenannte „Kammer“ zu meiner sogenannten „Habe“. Ich bekomme sie dann bei Entlassung. 

Um 15.15 werden wir eingeschlossen bis zum nächsten Morgen um 7.15. Den Nachmittag nutze ich häufig zum Lesen, Fernsehen, Häkeln und ein bisschen Yoga. Yoga mache ich auf dem Fußboden auf einer Wolldecke. Yogamatten gibt es zwar in der JVA, sind aber auf dem Haftraum nicht erlaubt. Auch hierfür hatte ich einen Antrag gestellt, aber im Gegensatz zum erlaubten Rauchen auf dem Haftraum genügt das Aufbewahren einer Yogamatte nicht den Brandschutzbestimmungen! Telefonieren kann ich auch. Internet, Handys oder E-Mails sind absolut verboten. 

Alle 2 Wochen gibt es die Möglichkeit über Bestellformulare ein paar Dinge wie Essen oder Kosmetika über den rationierten Standard hinaus einzukaufen. Die Strafgefangenen haben hierfür einen Teil ihres Arbeitsentgelts oder, falls sie nicht arbeiten dürfen, ein kleines Taschengeld zur Verfügung. Beides wird mir in der Ordnungshaft verwehrt. Ich muss Ersparnisse beziehungsweise von Freunden geschenktes Geld nutzen. 

Der Alltag ist darüber hinaus gerade in den ersten Tagen davon geprägt, dass man unvorhergesehen mitkommen muss, um bestimmte Termine wahrzunehmen. Vereinbart werden diese Termine nicht mit einem. Man ist gefangen und hat mitzukommen. Alltäglicher Selbstverständlichkeiten wie das Waschen seiner Wäsche oder Staubsaugen wird man beraubt. 

Seit ein paar Tagen hat sich mein Alltag leicht verändert und ein wenig vereinfacht. Ich habe die Station gewechselt, bin nun auf der Station, die auf die Entlassung vorbereiten soll. Ich bin nicht mehr eingeschlossen in meiner Zelle. Es ist unglaublich ruhig ohne die ständigen Schließgeräusche. Die Beamten kommen nur selten auf der Station vorbei. Auch ist der Umgang unter den Gefangenen ein anderer. Die 9 Gefangenen in dieser Wohngruppe sind drogenfrei, zuverlässig, ordentlich und vor allem ruhig. Es gibt ein richtiges Badezimmer mit Badewanne und ich darf meine Wäsche wieder selbst waschen, habe wieder Zugriff zu Spülmittel, Bodenreiniger und Staubsauger, werde nicht mehr in der Anzahl der wöchentlichen Toilettenpapierrollen rationiert und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich bereits ein kleines Stückchen Freiheit: Ich kann über die Gefängnismauern hinweg auf die Straße schauen.

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