Vor ein paar Tagen ist Bettina* entlassen worden, und ich war tatsächlich ein wenig traurig darüber – auch wenn ich mich natürlich sehr für sie freue.
Als ich hier ankam, war ich fest davon überzeugt, dass ein Gefängnis kein Ort ist, an dem man Freundschaften schließt. Entsprechend habe ich mich in den ersten Tagen eher zurückgehalten und hatte mit den anderen nur wenig zu tun. Meine allerersten Tage verbrachte ich in Frankfurt in der U-Haft. Dort kam noch hinzu, dass es sehr international zuging und sich die verschiedenen Nationalitäten meist untereinander hielten. Trotzdem gab es dort eine Vietnamesin, mit der ich gelegentlich ins Gespräch kam. Wir nutzten die Gelegenheit, um ein wenig Englisch zu sprechen, und stellten fest, dass wir einige Gemeinsamkeiten hatten – etwa das Nichtrauchen, die Erfahrung als Mütter und einen akademischen Hintergrund. Doch schon nach wenigen Tagen wurde ich nach Hildesheim verlegt, und damit endete auch dieser kurze Kontakt.
Abbildung: KI-Illustration
In der Aufnahmeabteilung in Hildesheim begegnete ich gleich am ersten Tag Bettina. Wir kamen schnell miteinander aus. Sie ist temperamentvoller als ich, aber ich habe sie als humorvollen und im Grunde sehr geradlinigen Menschen erlebt. Die Zeit verging leichter, wenn man sich gegenseitig ein wenig Gesellschaft leistete – etwa bei Kartenspielen, während der Freistunde draußen oder beim regelmäßigen Fitnesstraining. Bettina hat mir außerdem gezeigt, wie man häkelt. So konnte ich für Julia* und Charlie* kleine Kätzchen-Schlüsselanhänger machen, während sie selbst daraus eine kleine „Produktion“ für andere Mitgefangene entwickelte. Auch im Alltag half man sich hier und da aus – mal mit Kaffee, mal mit Obst oder anderen Kleinigkeiten.
Die letzten Wochen haben wir deshalb oft Zeit miteinander verbracht. Bettina hatte eine relativ kurze Haftzeit von drei Monaten, und nun war ihr Entlassungstag gekommen.
Es war ein seltsames Gefühl, sie gehen zu sehen. Was ich anfangs nicht erwartet hätte, ist doch passiert: Man lernt die Menschen hier vor allem als Menschen kennen. Viele von ihnen haben keine einfachen Lebenswege hinter sich. Ohne eigenen Bezug stellt man sich Gefängnisse oft so vor, als säßen dort vor allem besonders gefährliche oder bösartige Menschen. Das mag in manchen Bereichen auch zutreffen. Ich selbst befinde mich allerdings auf einer Aufnahme- und Durchgangsabteilung, in der häufig Frauen mit kürzeren Haftstrafen untergebracht sind. Einige sind leider mehrfach hier gewesen. Viele Geschichten, die man hört, handeln von schwierigen Lebensumständen, Abstürzen, Suchtproblemen oder davon, dass jemand lange Zeit ohne stabile Perspektive gelebt hat. Hinter den Straftaten stehen oft komplexe Ursachen – weit mehr als nur böse Absichten. Manche möchten ihr Leben verändern, doch das gelingt leider nur wenigen dauerhaft. Auch die Haftbedingungen tragen nur begrenzt dazu bei, langfristig etwas zu verändern.
Bettina hat ihre Zeit hier nun hinter sich gelassen. Ich hoffe sehr für sie, dass es bei diesem einen Aufenthalt bleibt und sie draußen einen guten neuen Anfang findet. Der Umgang mit anderen Menschen ist ein menschliches Grundbedürfnis – und deshalb war es für mich in dieser Situation wichtig, hier jemanden wie Bettina zu haben, mit dem man den Alltag ein wenig teilen konnte.
Gleichzeitig merkt man gerade in solchen Momenten, wie sehr einem die echten, langjährigen Freunde fehlen. Umso mehr freue ich mich auf ein baldiges Wiedersehen mit ihnen nach meiner Entlassung.
(Namen geändert)
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