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Was draußen selbstverständlich ist

Gestern habe ich meine leckerste Mahlzeit seit Monaten gegessen!

Ich weiß, dass es schwer ist, für so viele Menschen und mit knappen Mitteln adäquate Mahlzeiten zuzubereiten, und grundsätzlich ist das Essen auch genießbar. Auch auf Vegetarier und religiöse Kost wird Rücksicht genommen. Mehr frische Zutaten, mehr Vitamine und weniger Zusatzstoffe würden allerdings sicherlich einen Beitrag zu mehr körperlicher und psychischer Gesundheit im Gefängnis leisten.

 Abbildung: KI-Illustration

Die Mahlzeiten werden von Gefangenen gekocht, die in der Küche arbeiten. Vieles sind Tiefkühlprodukte. Meist ist das Essen sparsam gewürzt oder mit Wasser gestreckt. Nach fünf Monaten kennt man den Speiseplan ziemlich genau. Montags gibt es meistens Milchreis oder eine andere Süßspeise, mittwochs Suppe oder Eintopf. Für Frühstück und Abendessen bekommen wir ausschließlich abgepacktes Brot.

Wie kam es aber nun zu meiner gestrigen unerwarteten Mahlzeit? Eine andere Gefangene hatte Besuch bekommen. Die Besucher dürfen Obst und Gemüse für die Gefangenen mitbringen. Laut Besuchsbeamtin ist das eine Besonderheit dieses Gefängnisses und sonst nirgends in Deutschland möglich. Wir sollen damit die Möglichkeit bekommen, mehr Vitamine zu uns zu nehmen.

Es sind nur bestimmte Obst- und Gemüsesorten erlaubt. Alle paar Monate werden die Listen hierzu erneuert, denn: Es gibt Obst- und Gemüsesorten, in die man wohl Drogen hineinspritzen könnte. Andere Sorten wie Zitronen eignen sich wiederum, um Alkohol herzustellen. Wieder andere, wie Paprika oder Peperoni, könnten aufgrund ihrer Schärfe potenziell gefährlich sein. All das sind Dinge, mit denen ich keinerlei Erfahrungswerte hatte. Es ist Wissen, das ich mir hier drin angeeignet habe.

Prävention von Substanzmissbrauch ist sowieso ein großer Grund für vielerlei Einschränkungen hier. Es gibt in der gesamten Gefängnisküche keinen Pfeffer, und diesen kann man auch nicht bestellen, da die Schärfe als potenzielle Gefahr gilt. Auch muss mit stumpfen Messern gekocht werden.

Einen Kuchen können wir uns in der Gemeinschaftsküche selbst backen, wenn wir die entsprechenden Zutaten im Einkauf besorgt haben. Backpulver sucht man auf der Einkaufsliste jedoch vergeblich. Man erhält es auf Anfrage von den Beamten direkt in die mit Mehl gefüllte Rührschüssel portioniert, da man auch mit Hilfe von Backpulver Alkohol herstellen könnte.

Im Hof soll es außerdem mal Büsche gegeben haben. Diese mussten jedoch abgeholzt werden, denn hinter den Büschen sollen Gefangene Behälter mit Hefebrot und Obst gelagert haben, um daraus ebenfalls Alkohol herzustellen.

Jederzeit unangekündigte Haftraumkontrollen dienen ebenfalls hauptsächlich der Drogenprävention, nehmen einem jedoch jegliche Privatsphäre. Elektrogeräte wie Wasserkocher und Fernseher haben ein durchsichtiges Gehäuse, damit man auch darin nichts verstecken kann. Wenn man in der Post Grußkarten erhält, darf man diese nicht mit auf die Zelle nehmen, da man darauf Drogen übersandt bekommen könnte.

Und selbst die selbstgebackenen Weihnachtskekse meiner Tochter, die durch die Hände des Jugendamts gingen, durfte ich nicht essen, da es möglich gewesen wäre, darin Drogen zu übermitteln. Wenn man süchtig ist, sind der Kreativität offenbar keine Grenzen gesetzt. Auch das Rauchen von Tee oder Papier ist zwar nicht erlaubt, aber beliebt, wenn die selbstgedrehten Zigaretten schon vor dem nächsten Einkauf aufgebraucht sind.

Zurück aber zum Besuch der Gefangenen: Sie ließ sich Kartoffeln und Zucchini mitbringen. Eier hatte sie von ihrem letzten Einkauf noch da. Von mir lieh sie sich Kräuter und getrockneten Knoblauch.

Und so briet sie abends Zucchinipuffer mit einem Kräuterdip dazu und ein paar Tomaten-Bruschetta-Toasts mit ordentlich Knoblauch. Als Dank dafür, dass ich ihr von meinen Zutaten abgegeben hatte, gab sie mir zwei Puffer mit Dip und einen Toast.

Es war eine ganz normale kleine Mahlzeit – aber sie war frisch, gut gewürzt und eine Abwechslung zur sich ständig wiederholenden Gefängniskost. Wieder einmal ein Moment, in dem ich feststellte, über welch kleine, draußen eigentlich selbstverständliche Dinge man sich hier drin freut.

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