Weihnachten im Gefängnis...
Dies sollte mein erstes Weihnachtsfest ganz ohne meine Kinder werden. Auf ein Weihnachten mit Charlie* musste ich schon zum fünften Mal verzichten. Noch bis zum letzten Tag hatte ich auf die Beendigung der Ordnungshaft gehofft, jedoch leider vergeblich.
Nachdem der erste Adventsgottesdienst ziemlich chaotisch ablief, wurde der Heiligabend selbst tatsächlich unerwartet friedlich.
Zunächst kurzer Rückblick zum ersten Adventsgottesdienst. Dieser war beinahe Comedyreif, hat aber letztlich meine Laune ziemlich heruntergezogen. Der Gottesdienst sollte in der „Kirche“ stattfinden, in welchem neben einem kleinen Altar und Piano auch mehrere Fitnessgeräte und sonstige Gegenstände untergebracht waren. Eigentlich erinnerte er mehr an einen Abstellraum als an eine Kirche. Dies allein war schon ziemlich trostlos für mein Empfinden. Die Pastorin sollte den Gottesdienst ausrichten. Sie kam zu spät, entschuldigte sich, startete dann den Gottesdienst mit CD-Musik. Die Musik war nicht die von ihr ursprünglich ausgesuchte. Sie entschuldigte sich abermals. Dann sollten auch wir singen. Hier entstand der erste Konflikt, da die Pastorin kein Lied aussuchte, sondern die Gefangenen nach einem Liederwunsch fragte. Was nach Beteiligung der Gefangenen aussah, schürte tatsächlich Gefühle von Ungerechtigkeit und Benachteiligung derjenigen, deren Lieder nicht ausgewählt wurden. Sie versuchte dem zu begegnen, indem statt einem dann zwei Lieder gesungen werden sollten. Aber die Mangelgefühle blieben. Der Gesang selbst war äußerst dürftig, da die Pastorin zwar auf dem Piano begleitete, aber selbst nicht mitsang. So fehlte uns Gefangenen erneut die erforderliche Führung.
Abbildung: KI-Illustration
Als der Gottesdienst schon längst begonnen hatte, traf dann die stets etwas verwirrt wirkende Eleonore noch ein und nahm Platz. Kurze Zeit später verließ sie den Raum wieder. Das Prozedere wiederholte sich ein paar mal. Die Pastorin war mitten in der Predigt, als sie gestört wurde, weil eine andere Gefangene richtig genervt vom wiederholten Verlassen und Betreten des Raums durch Eleonore war. Sie sperrte sie kurzerhand aus. Draußen entstand großes Geschrei und so wurde in der Kirche von Nächstenliebe und Freundlichkeit gepredigt, während zeitgleich das Gegenteil praktiziert wurde.
Die Konflikte setzten sich bei anschließendem Kaffee um den gewünschten Sitzplatz und die Anzahl der Kekse fort. Am Nachmittag war ich ziemlich traurig und weinte in meiner Zelle. Zuhause hatte ich Weihnachten mit den Kindern immer mit vielen Ritualen verbracht. Hier drinnen war es einsam und trostlos.
Ganz anders und wesentlich besinnlicher verlief der Heiligabend. Es war, als ob für diesen einen Tag tatsächlich Frieden einkehrte. Eleonore und eine weitere Gefangene waren am Tag vor Heiligabend entlassen worden, was sicherlich auch zum Frieden beitrug. Der Kirchenraum war geschmückt, die Fitnessgeräte inzwischen in den vorgesehenen Fitnessraum verschwunden, der Weihnachtsbaum leuchtete, die Seelsorgerin hatte Tische für den anschließenden Kaffee mit Lichterketten und Servietten vorbereitet. Es gab einen Gitarristen für die Begleitung der Lieder. Es wirkte beinahe weihnachtlich. Die Fürbitten wurden unter den Gefangenen aufgeteilt, ich sollte die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Der Gottesdienst verlief ruhig und friedlich und beim anschließendem Kekse-Essen wurde sogar mit den Beamten zusammen die Weihnachtsbäckerei angestimmt.
Im Anschluss gegen 16 Uhr, während bei euch zuhause vermutlich das Weihnachtsfest und der gesellige Teil gerade erst begann, wurde bei uns die kleine Andacht beendet und jeder in seine Zelle geschlossen. Später bekamen wir noch ein kleines Weihnachtspäckchen mit Süßigkeiten und einem Taschenkalender als Geschenk. Sehr zum Ärger der anderen Gefangenen. Die hätten sich mehr über Zigaretten gefreut.
Weihnachtsstimmung kam in diesem Jahr bei mir nicht auf. Aber da ich an Weihnachten das erste Mal ganz ohne meine Kinder war, war es fast tröstlich dies in einer nicht-weihnachtlichen Umgebung zu verbringen und nicht etwa mit strahlenden Kinderaugen bei meiner Schwester mit meinen Neffen. So war auch das Telefonat mit den dreien ziemlich traurig für mich.
Meine Töchter mussten an Weihnachten auf ihre Weihnachtsgeschenke von mir und weiteren Personen leider gänzlich verzichten. Die Geschenke erhielten Julia* und Charlie* letztlich erst in der ersten Januarwoche durch das Jugendamt. Julia* musste Weihnachten in diesem Jahr also nicht nur vollkommen isoliert, sondern auch noch ohne jegliche Geschenke verbringen. Obwohl derart viele Menschen an sie gedacht hatten, muss sie in dem Glauben gewesen sein, von vielen Menschen vergessen worden zu sein. Wie das Weihnachtsfest ansonsten für meine beiden Mädchen ablief, weiß ich nicht. Ich habe keinerlei Infos erhalten. Mein schönstes Weihnachtsgeschenk kam jedoch vor einigen Tagen noch an: ein kleines Weihnachtspäckchen von Julia* und ihren ersten Brief an mich, seit wir getrennt sind.

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