Mein bisher schlimmster Tag im Gefängnis war der 4.12., der Tag, an dem der Gerichtstermin im Amt war. Ich war nun genau 4 Wochen gefangen, hatte schon einige Schikanen erlebt, von zwei Tagen Wasser und Brot in einer tristen und kahlen Zelle in Polizeigewahrsam, über einen 1,5-tägigen Transport und Degradierung zur Ware, bis hin zu einem Aufenthalt in einer Doppelzelle mit schimmeligen Wänden und einer emotional hochbelasteten Mitgefangenen, die unter Verdacht des versuchten Totschlags stand. Mit Abstand am schlechtesten ging es mir aber am Abend des 4. Dezember im Anschluss an den Gerichtstermin vorm Familiengericht. Zuvor hatte ich einiges an Hoffnung in diesen Termin gesteckt. Ich habe mehrfach verschiedenste Anträge gestellt, damit meine Vorführung vor Gericht auch sichergestellt wurde. Ich habe mich so umfassend wie möglich mit den Anwälten auf den Termin vorbereitet und ich habe mir Schminke im Einkauf bestellt und sichergestellt, dass ich trotz der frühen Abfahrt um 7.15 morgens ausnahmsweise noch vorher duschen könnte.
Abbildung: KI-Illustration
Um 7.15 fuhren wir dann zu zweit los – in Handschellen. Ich aß nichts zum Frühstück, da ich Angst hatte, dass mir im Auto schlecht werden könnte. Die andere Gefangene kannte ich noch aus der U-Haft, sie ging davon aus, nach ihrem Termin entlassen zu werden. Diese Aussicht hatte ich nicht, aber dennoch hoffte ich natürlich, etwas für meine Kinder erreichen zu können. Wir trafen gegen 8.00 beim Amtsgericht ein und wurden durch den Keller in die Zellen geführt. Die Zelle war ähnlich ernüchternd, wie in Polizeigewahrsam: ein ca. 5 Meter langer und 2,2-2,5 Meter breiter Raum, wovon ca. 1 Meter vor der Holztür noch einmal komplett mit Gittern abgetrennt war. Der einzige „Einrichtungsgegenstand“ war eine Holzpritsche, ein Stuhl oder eine Toilette gab es in dem tristen Raum nicht. Die Wände waren über und über mit Obszönitäten, Trittspuren und Ausscheidungen beschmiert und teilweise durchlöchert. In den Ecken waren Spinnenweben und eine tote Spinne. Durch das Gitterfenster konnte man weder durchgucken noch konnte man es zum Lüften öffnen. Dafür gab es – wie auch schon in Polizeigewahrsam – eine sehr laute Lüftung, die durchgängig lief. Da ich noch knapp 3 Stunden Wartezeit zu überbrücken hatte, lief ich relativ bald in der Zelle herum. Gegen 9.00 frühstückte ich dann und klingelte um auf Toilette zu dürfen. Danach wieder elendig lange Wartezeit. Ohne irgendetwas zu tun, kann die Zeit sehr, sehr lang werden. Ich machte noch ein paar Notizen, weil ich Zettel und Stift für die Verhandlung mitgenommen hatte. Auch meine Armbanduhr hatte ich heute bewusst angezogen, da ich es aus dem Polizeigewahrsam schon kannte, wie schlimm es ist, ohne Uhr kein Gefühl für die Zeit zu haben. Ich war mir der Wartezeit zuvor sehr bewusst gewesen und versuchte sie bestmöglich zu überbrücken. Insgesamt machte sie mich aber dennoch mürbe.
Ich war dann sehr froh, als meine beiden Anwälte um 11.00 eintrafen. Auch sie waren sichtlich schockiert von dem Zustand der Zelle. Unser Vorgespräch mussten wir dann hier abhalten. Auch sie wurden eingesperrt. Einen Besprechungsraum mit Tisch und Stühlen bekamen wir nicht. Die Anwälte hatten mir aufmerksamerweise ein paar Leckereien vom Bäcker mitgebracht. So etwas schmeckt unglaublich gut, wenn man immer und immer dasselbe Gefängnisessen bekommt. Ein bisschen aß ich sofort, aber den Rest hob ich mir für den tristen Abend in der Zelle auf.
Nach dem Vorgespräch wartete ich ca. noch eine weitere halbe Stunde in der Zelle. Das Warten und die Umgebung nagten zunehmend an mir. Im Gegensatz zum Frankfurter Gericht, gab es hier tatsächlich eine warme Mittagsmahlzeit, die ich aber kaum herunterbringen konnte.
Zum Termin wurde ich dann in Handschellen durch das Gerichtsgebäude geführt. Ich war zunehmend am Zittern, merkte wie ich nicht mehr ruhig und gefasst war, wie ich es mir doch eigentlich vorgenommen hatte. Die Verhandlung lief dann genauso ernüchternd ab, wie all die vorherigen Verhandlungen, die ich schon über mich ergehen lassen musste. Ich hatte nicht im Ansatz das Gefühl, dass ich etwas erreichen konnte. Auch waren Richterin und Verfahrensbeistand meiner Person gegenüber voreingenommen wie eh und je. Mein eines Kind sollte mich nicht sehen dürfen, weil sie ihren Willen nicht klar genug geäußert hatte. Mein anderes Kind hatte sich klar geäußert, aber hier sollte die Entfernung von ihrem Heim zur JVA zu weit sein. Für die geplanten Geschwisterumgänge sollte die Entfernung kein Problem darstellen. Ein Widerspruch, der sich mir nicht erschließt. Letztlich stellten wir einen Befangenheitsantrag, sodass die Entscheidung noch ausstehend ist.
Im Anschluss an die Verhandlung wurde ich in Handschellen wieder ins „Verlies“ gebracht und musste dort noch ca. eine Stunde auf den Fahrer warten. Ich brach in Tränen aus und weinte beinahe durchgängig bis zum Mittag des nächsten Tages. Liebend gerne hätte ich abends noch von meiner Zelle aus telefoniert, aber meine Telefonnummern waren seit 4 Wochen nicht freigeschaltet worden. So musste ich mit dem Schmerz nicht zu wissen, ob ich meine Kinder noch mal sehen würde, bevor sie 18 sind, und dem Gefühl der Willkür am Familiengericht allein klarkommen.
Was diesen Tag so viel schlimmer machte als die anderen Tage zuvor im Gefängnis? Dieses Gefühl der Machtlosigkeit. Der Gefängnisaufenthalt ist schlimm und oftmals hochbelastend. Aber man lernt im Laufe der Zeit doch, wie man sich verhalten muss, um mit den Menschen klarzukommen, und nach spätestens 150 Tagen dann auch wieder herauszukommen. Diese Perspektive fehlt mir am Familiengericht komplett: ich habe weder konkrete Dinge, die ich tun kann, damit ich meine Kinder sehen kann, noch eine Perspektive, wann dies so sein wird. Ich kann lediglich darauf hoffen, dass wir uns alle noch sehen wollen, wenn die beiden 18 sind und wir dann noch ein wenig der verlorenen Zeit nachholen können – die verpasste Kindheit gibt einem jedoch niemand zurück.
Einziger Lichtblick der Verhandlung: Julia und Charlotte sollen sich nun endlich bald wiedersehen dürfen. Ich wünsche euch so sehr ein tolles Wiedersehen!

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