Direkt zum Hauptbereich

Wie eine Gefängniszelle so aussieht

Hier im Gefängnis sind einige Frauen, die schon mehrfach Erfahrung mit Gefangenschaft gemacht haben. Ich gehe aber davon aus, dass meinen Blog vor allem Menschen lesen werden, die wie ich bislang keine Berührungspunkte mit dem Gefängnis hatten. Wie sieht also eine Gefängniszelle von innen aus?


Abbildung: KI-Illustration

Die erste Zelle lernte ich im Frankfurter Polizeigewahrsam kennen. Sie war auch gleichzeitig die trostloseste Zelle. Ein kahler, vollständig gefliester Raum, ca. 4m lang und 1,5m breit. Es ist eine Schätzung anhand der Fliesen, die ich vor langerweile gezählt habe. Einziger „Einrichtungsgegenstand“ war eine geflieste Pritsche mit einer dünnen Schaumstoffmatte darauf. Außerdem gab es noch eine Toilette und ein Waschbecken. Diese befand sich einfach im Raum ohne Vorhang oder sonstige Abtrennung. Durch einen Türspion hätte man mir von draußen jederzeit unbemerkt beim Toilettengang zusehen können. Es gab kein Toilettenpapier, kein Handtuch, keine Seife. Diese Dinge bekam ich erst Stunden später auf Nachfrage. An den Wänden war nichts, weder Schmierereien noch Regale noch eine Uhr oder sonstiges. Aus dem Fenster konnte man nicht herausschauen, nur gerade so erahnen, ob draußen Tag oder Nacht ist. Zum Lüften öffnen konnte man es ebenfalls nicht. Dafür lief durchgängig – auch über Nacht – eine sehr laute Belüftung. Auch das Licht wollten die Polizisten zunächst über Nacht anlassen. Die Zeit in einer solchen Zelle kann sehr, sehr lang werden, wenn man nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Es gab weder Radio, eine Zeitung oder ein Buch, noch nicht einmal Zettel und Stift. Meine einzige Gesellschaft war eine kleine Fliege, die sich ebenfalls in meine Zelle verirrt hatte und den Weg nach draußen suchte. Ich entwickelte in kürzester Zeit Empathie für meinen kleinen Mitgefangenen. Die Gedanken fangen an zu arbeiten und man bekommt Angst, verrückt zu werden. Mir haben durch die ersten 24 Stunden in dieser Zelle die Gedanken an meine Kinder geholfen, die Notwendigkeit für sie bei klarem Verstand zu bleiben. Außerdem beruhigte ich mich mit der Aussicht, dass ich nach dem Termin beim Haftrichter nach 24 Stunden Polizeigewahrsam voraussichtlich in eine JVA kommen würde und sich dort die Bedingungen gegenüber dieser Zelle verbessern müssten.

Und tatsächlich, am Abend des 7.11. kam ich in die JVA Frankfurt. Zellen nennt man in der JVA Hafträume. Dieser Raum war schon weitaus „wohnlicher“ als die vorherige Zelle. Es gab „freundlichere“ Holzmöbel, Regale an den Wänden, ein Radio, einen abgetrennten Toilettenraum und vor allem ein Fenster zum Rausgucken, was sich auch zum Lüften öffnen ließ. Und keine laute Lüftung mehr. Nach diesen ersten 24 Stunden, die ich mit einem absoluten Minimum an Lebensnotwendigem auskommen musste, war ich über diese Kleinigkeiten wie die Nachtruhe ohne laute Lüftung oder das anbrechende Tageslicht am nächsten morgen voller Glückseligkeit. Das ist einer der Dinge, die man in Haft lernen kann: sich über kleinste Dinge und eigentlich Selbstverständlichkeiten zu freuen. Als nach meiner ersten Nacht am nächsten morgen das erste Mal das Tageslicht durchs Fenster schien und ich einen klaren, wenn auch begrenzten Blick nach draußen hatte, war ich voller Glücksgefühle.

Eine knappe Woche verbrachte ich in dieser Zelle, bevor ich nach 6 Tagen dann auf Transport Richtung Hildesheim ging. Der Transport selbst ist vermutlich noch mal eine eigene Geschichte wert. Nur so viel sei hier gesagt: Ich musste während des Transports noch einmal in einem anderen Gefängnis übernachten und lernte hier Doppelhafträume kennen. Für mich als Nichtraucherin unter 98% Raucherinnen ein absoluter Albtraum. Ich hatte jedoch die Wahl in einem Einzel- oder Doppelhaftraum zu übernachten und entschied mich klar für einen Einzelhaftraum. Erst in dieser einen Nacht ergriff mich das blöde Gefühl, dass es auch in Hildesheim Doppelhafträume geben könnte und ich möglicherweise keine andere Wahl hätte…

Am nächsten Tag sollte diese Vorahnung wahr werden. In Hildesheim kam ich zunächst in die U-Haft. Über meine Ankunft war man kaum informiert und Entscheidungen wurden über meinen Kopf hinweg getroffen. Ich hörte zwei Beamten reden, die überlegten, ob sie mich zu der einen oder der anderen Gefangenen legen sollten. Ich teilte mit, dass ich einen Einzelhaftraum wolle und außerdem, dass ich Nichtraucherin bin und nicht mit einer Raucherin auf eine Zelle wollte. Das führte leider zu keiner Einzelbelegung, sondern ich kam zu der einzigen weiteren Nichtraucherin der U-Haft: Sie hatte ein entstelltes Gesicht und erzählte mir im Laufe des ersten Nachmittags, dass dies durch Säure passiert sei. Diese Säure hätte auch ihren Ex-Mann ins Koma gebracht. Sie selbst sei angeklagt wegen versuchten Totschlags, aber sie sei unschuldig. Ihrer Meinung nach war es ein Unfall oder vom Ex inszeniert gewesen. Ob sie schuldig ist oder nicht, darüber kann und will ich nicht urteilen. Dafür gibt es andere Stellen. Aber mich überkam die Angst. Denn mit dieser Frau sollte ich die Nächte eingesperrt in einer Zelle verbringen. In der ersten Nacht schlief ich kaum. Die ganze Zeit hielt ich meine Hand auf dem Notfallknopf – wohl wissend, dass beim Drücken des Notfallknopfs viele, viele Minuten vergehen können bis tatsächlich ein Beamter zu Hilfe kommt. Zum Glück blieb alles ruhig und meine Angst nahm in den nächsten Tagen ab, aber einen Antrag auf einen Einzelhaftraum stellte ich dennoch am nächsten Tag.

Nun aber noch einmal zur Einrichtung dieser Zelle. Die Zelle war deutlich größer als die Zelle in Frankfurt, dafür teilten wir sie ja auch zu zweit. Vom Zustand des Raums war ich wirklich schockiert: Die Wände waren über und über mit Zahnpasta und Wandinschriften beschmiert. Warum Zahnpasta? Ich lernte, dass die Gefangenen diese als Klebstoff für Bilder benutzten, denn Tesafilm war verboten. Die Wandinschriften hatten teilweise Daten von 2015. Wir können uns also ausrechnen, wie lange die Zelle keine frische Wandfarbe gesehen hatte. An einer Ecke bröckelte der Putz von der Wand ab. Als wir am zweiten Tag das Hochbett von der Wand abgerückt hatten, um die Wand von den Zahnpastaflecken zu reinigen, entdeckten wir feuchte Stellen an der Außenwand. Dies meldeten wir sofort, ernst genommen wurden wir nicht. Mein Verlegungsantrag in eine andere Zelle wurde wegen fehlender Kapazitäten ebenfalls abgelehnt.

Nach 1,5 Wochen habe ich die Station gewechselt. Meine jetzige Zelle ist nun ein Einzelhaftraum. Er ist ca. 7m^2 klein, etwas mehr als 3m in der Länge und ca. 2m in der Breite. In der Länge passt ein Bett rein, daneben noch Waschbecken und Toilette. Beides lässt sich mit einem Vorhang vom Rest des Raumes abtrennen. Wenn die Zellentür vormittags offen ist, habe ich trotzdem beinahe das Gefühl, alles auf dem Flur erledigen zu müssen. Denn wenn die Tür offen ist, lässt sie sich von innen nicht verschließen und so kann jeder unvorhergesehen und plötzlich hereinkommen.

Auf der anderen Seite stehen ein Tisch mit Stuhl, ein Regal und ein Schrank. Die Heizung ist hinter dem Schrank versteckt. Ein Fernseher und ein Wasserkocher gehören auch zur Ausstattung. Die Wand ist nicht ganz so fleckig wie in der vorherigen Zelle und inzwischen habe ich sie ein wenig mit Bildern verschönert. Aus dem Fenster schauen kann man in dieser Zelle nicht, denn das Fenster beginnt erst in 2 Metern Höhe und so kann man nur ein wenig heraus sehen, wenn man auf den Tisch klettert. Auch Sonnenlicht scheint hier nicht herein. Durch ein langes Antragsverfahren konnte ich aber eine Tageslichtlampe für den Haftraum bekommen. Denn auch auf dem Hof kam den ganzen Winter kein Sonnenlicht. Und das ist doch eigentlich wichtig für die Vitamin D Produktion.

Ich freue mich schon sehnlichst auf den Tag meiner Entlassung und dass ich mein Gesicht dann wieder in die Sonne halten kann.  

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Geburtstag von Charlotte

Heute ist der 11. Geburtstag von Charlotte*. Ich verbringe ihn im Gefängnis. Sie verbringt ihn schon das fünfte Jahr ohne mich – fast ihr halbes Leben! Die letzten Jahre habe ich mit Julia* immer einen Kuchen für sie gebacken. Gemeinsam mit Charlotte* essen konnten wir ihn nicht. Wir haben auch ihr Lieblingsessen für sie gekocht – und es ohne sie essen müssen. Abbildung: KI-Illustration In diesem Jahr konnte ich meine Geschenke für sie nicht mal mehr selbst besorgen, denn ich sitze im Gefängnis. Andere liebe Menschen haben es für mich getan. Ich muss darauf vertrauen, dass sie sie gut ausgewählt haben. Selbst einpacken darf ich ihre Geschenke schon lange nicht mehr! Das macht stets das Jugendamt für mich. Eine Karte habe ich ihr selbst geschrieben und ein Herz habe ich ihr selbst gehäkelt. Viel ist von meinem Muttersein nicht mehr geblieben. Wann ich sie an ihrem Geburtstag mal wieder in den Arm nehmen darf? Ungewiss! Für ihren nächsten Geburtstag wünsche ich mir von ganzem Herzen, d...

Näherungsverbot für mich gegenüber meiner 7-jährigen Tochter?

Weihnachtspost vom Gericht In 2021 habe ich den Umgangsausschluss für Charlotte* pünktlich zu Heiligabend im Briefkasten gehabt, in 2020 war es der Sorgerechtsentzug. Auch in 2022 Jahr habe ich fest mit Weihnachtspost vom Gericht gerechnet - den Briefkasten habe ich diesmal bewusst erst nach Weihnachten wieder geöffnet... Nun also die Weihnachtspost vom Gericht: am 26.01.2023 wird darüber verhandelt, ob ich ein Näherungsverbot zu meiner 7-jährigen Tochter, die ich seit mehr als 1,5 Jahren nicht sehen durfte, erhalten soll.  Seit über einem Jahr wird mir dieses Näherungsverbots angedroht, weil Charlottes Vater dies wünscht. Grund dafür soll der 7. Geburtstag von Charlotte vor über zehn Monaten sein. Ich habe an diesem Tag ein kleines Geschenk und zwei Briefe von Julia* und mir in den Hort gebracht mit der Bitte um Weitergabe an Charlotte, die mehrfach unfreiwillig und gewaltsam von mir getrennt wurde und seitdem keinen Kontakt zu mir haben darf.  Beim Verlassen des Horts kam ge...

Fassungslosigkeit

  Was ist los in unserem Rechtsstaat? Ein fünf Wochen altes Neugeborenes, was aus den Armen seiner nachweislich gesunden und stillenden Mama gerissen wird um dann zuerst völlig fremden Pflegepersonen, dann dem unter Pädophilieverdacht stehenden Vater zugeführt zu werden. Das ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hier mitten in Deutschland mithilfe von einem ganzen Aufgebot an Polizisten geschehen. Ich habe Mutter und Kind persönlich kennen lernen dürfen und ein vollgestilltes Neugeborenes erlebt, was stets liebevoll von seiner Mama umsorgt wurde. Was ist los in unserem Rechtsstaat? Was ist eine Mutter heute noch wert? Wie wird die Bindung zwischen Mutter und Kind hier mit Füßen getreten? Ist es das, was wir für unsere Kinder wollen? Warum fügt man einem Neugeborenen, was bisher beinah ununterbrochen an der Brust seiner Mutter war, hier alle Geborgenheit und Fürsorge bekommen hat, die es brauchte, solch ein Trauma wissentlich zu? Warum fügt man Mutter und Kind solch ein Trauma...